Policy paper

DAS PARISER KLIMAABKOMMEN UND DIE ZUKUNFT DES CO2 HANDELS

Artikel 6 und die Konsequenzen

Das Ziel der Klimapolitik ist in erster Linie die radikale Reduktion der Emissionen von Treibhausgasen. Von Leugnern des menschengemachten Klimawandels abgesehen, wird dieses Ziel von niemandem in Frage gestellt. Durch die Klimarahmenkonvention (UNFCCC) ist ein globaler Prozess eingeleitet worden, der eine tiefgreifende Transformation des globalen Energiesystems anvisiert. Nichts weniger als der Abschied vom fossilen Zeitalter soll umgesetzt werden. Aber trotz dieses allgemeinen Konsenses fehlt es nicht an Kontroversen. Auf welchen Wegen dieses Ziel erreicht werden soll und wie schnell, wie viele Restemissionen „wir“ uns leisten können oder welche Rolle die Natur etwa über großangelegte Baumpflanzungsprojekte für den Klimaschutz spielt (die sogenannten Nature based Solutions), all das ist umstritten. Aber der größte Konflikt liegt in der Frage der Gerechtigkeit, denn der Klimawandel betrifft nicht alle Menschen gleich, sondern ist von globalen sozialen Ungleichheiten strukturiert. Der globale Norden hat in den letzten 200 Jahren die meisten CO2-Emissionen verursacht. Gleichzeitig ist der globale Süden überproportional stark von den Auswirkungen des bereits einsetzenden Klimawandels betroffen. Diese ungleichen Verantwortlichkeiten für den Klimawandel versucht der UN-Prozess durch das Prinzip der „Gemeinsamen aber unterschiedlichen Verantwortung“ (Common But Differentiated Responsibilities – CBDR) zu adressieren. Aber der Weg vom allgemeinen Konzept zu konkreten Handlungen ist auch hier konfliktreich.

In der vorliegenden Publikation wird der Fokus auf den globalen Emissionshandel gesetzt, der in den kommenden Jahren etabliert werden soll. Auf der COP 29 in Baku im Jahr 2024 wurde nämlich über die weitgehende Regulierung des Artikels 6 des Pariser Klima-Abkommens der Weg frei für einen globalen CO2-Handel im Rahmen der Klimakonvention gemacht. Damit können Staaten des globalen Nordens eigene Klimaziele durch von ihnen finanzierte Maßnahmen im Globalen Süden erreichen. Genauer gesagt, können sie ihre CO2-Emissionen etwa durch den Kauf von Zertifikaten aus Waldschutzprojekten oder erneuerbaren Energien kompensieren.

Kompensation und CO2-Handel sind zwar bereits etablierte Praktiken, aber sie weisen zwei Beschränkungen auf: CO2-Märkte waren bisher regional begrenzt und an verpflichtende Reduktionszielen gebunden (wie z.B. in der EU) oder beruhten auf Freiwilligkeit und waren frei käuflich (z.B. Ausgleich von Flugreisen). Artikel 6 ermöglicht nun die Schaffung eines globalen compliance market, also eines Austausches, der von der Klimakonvention reguliert wird und für vereinbarte (u.a. auch nationale) Klimaziele anrechenbar ist.

Indem suggeriert wird, dass es irrelevant sei, wo CO2-Emissionen ausgestoßen und wo sequestriert werden, ist es nun erstmals auch Ländern möglich, dort zu kompensieren, wo es am günstigsten ist. Das ist vor allem in den tropischen Regionen des globalen Südens der Fall.

Dies hat einschneidende Folgen sowohl für den globalen Norden wie für den globalen Süden. Dies wird im Jahr 2025 deutlich, als die EU-Kommission vorschlug, 3% des CO2-Reduktions-Ziels bis zum Jahr 2040 durch den Zukauf von Zertifikaten außerhalb der EU zu erreichen. Was auf den ersten Blick als eine kleine Korrektur erscheint, hat bei näherer Analyse gravierende Auswirkungen auf die Klimapolitik der EU und gibt einen starken Anreiz für den globalen CO2-Handel. Dies bringt den globalen Süden in den Fokus, in dem die zu handelnden CO2-Reduktionen erzeugt werden sollen. Besonders problematisch ist, dass dann auch Kredite gehandelt werden können, die zum Beispiel durch die Reduktion von Emissionen auf Gebieten indigener Völker und traditioneller Gemeinschaften (im UN-Sprachgebrauch: Indigenous Peoples and Traditional Communities – IPTC) erzielt werden. Diese werden damit zu einem wichtigen Akteur im globalen Klimaprozess. Während Befürworter:innen darin einen Ansatz der Klimagerechtigkeit sehen, der ermöglicht, diejenigen finanziell zu belohnen, die etwa die Tropenwälder schützen, befürchten andere einen neuen, „grünen Kolonialismus“. Denn wie zahlreiche Studien der letzten 20 Jahre gezeigt haben, trägt dieser marktbasierte Kompensationsansatz weder zum Klimaschutz bei, noch profitieren die marginalisierten Gruppen tropischer Regionen davon. Im Gegenteil, sie tragen die Last der Kompensation für Akteure, die ihren CO2-Reduktionsverpflichtungen nicht nachkommen. Zudem verschärft diese neue Handelsware Konflikte um Landzugang und Landnutzung. Gleichzeitig wird die Lebensweise dieser Gruppen über einen CO2-Handel als “Ökosystemleistungen” quantifizierbar und handelbar gemacht, wogegen sich viele soziale Bewegungen im Jahr 2025 im Rahmen der COP30 gegen diese Kommodifizierung des Klimaschutzes und damit verbunden ihre territorialen Rechte aussprechen.

Im Folgenden werden vor diesem Hintergrund die Änderungen im Zusammenhang mit Artikel 6 politisch eingeordnet und gezeigt, dass damit nicht nur die Klimakrise verstärkt, sondern auch die globalen sozial-ökologischen Ungleichheiten bei der Bearbeitung der Klimakrise vertieft werden. Ziel ist es, ein Debattenfeld, das aufgrund seiner speziellen Begriffe und Mechanismen v.a. wenigen Spezialist:innen vorbehalten ist, einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und sie für die Frage von globaler Klimagerechtigkeit im Kontext marktbasierter Ansätze zu sensibilisieren.

Maria Backhouse und Thomas Fatheuer

Inhalt

Einleitung     4
1. CO2 Märkte – die Ausgangslage     5
2. Die Debatte um REDD+ und andere naturbasierte CO2 Zertifikate     7
3. CO2-Handel wofür?    8
4. Pariser Abkommen Artikel 6 – Was ändert sich?    10
5. Paris und die Folgen: Neue Glaubwürdigkeit für Carbon Markets?    11
6. Wald, Land, Indigene Völker und die Perspektiven des CO2-Handels    13
7. Perspektiven    13

Eine Übersicht zu weiteren FDCL-Publikationen zur COP30 findet sich hier!

 

Impressum

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Autor: Thomas Fatheuer
Redaktion/Lektorat: Jan Dunkhorst (FDCL), Maria Backhouse (Zentrum für Klimaresilienz, Universität Augsburg)
Fotos: Tom Fisk (Public Domain), Mozzihh (CC BY-SA 4.0)
Layout: Ingrid Navarrete | www.ingrid-navarrete.de
Redaktionsschluss: 30.09.2025

Gefördert von Engagement Global im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und mit freundlicher Unterstützung der Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit (LEZ) Berlin. Der Inhalt der Veröffentlichung liegt in der Verantwortung der Autor*innen und gibt nicht notwendig die Position der Herausgeber:innen wieder; die hier dargestellten Positionen geben weder den Standpunkt von Engagement Global gGmbH und des BMZ noch der LEZ Berlin wieder.

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© FDCL-Verlag Berlin, 2025 | ISBN: 978-3-949237-22-5

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