Der Rio Tapajós im brasilianischen Amazonien ist heiß umkämpft: Ist der Fluss für das Agrobusiness und die Politik ein Logistikkorridor für vor allem Soja hin zum Weltmarkt – oder ist der Fluss die lebensweltliche Grundlage der dort lebenden Indigenen, Ribeirinhos und weiteren am, mit und vom Fluss lebenden Gemeinschaften?

Von Christian Russau

Es war der 5. Juli 2025, als der Rekord aufgestellt wurde, der in social media gefeiert wurde: „Der größte Binnenschiffskonvoi Brasiliens, der am 5. Juli 2025 von Cargill auf dem Tapajós (PA) durchgeführt wurde, transportierte 110.971 Tonnen Mais auf 36 Frachtkähnen. Dieser Weltrekord in der Transportkapazität auf Binnenwasserstraßen wurde auf der Strecke Miritituba–Santarém aufgestellt. Die in einem einzigen Konvoi beförderte Ladung entspricht 2.300 Lkw-Ladungen und festigt damit die Rolle des ‚Arco Norte‘ als wichtigste Getreideexportroute Brasiliens, wobei das Potential der Wasserstraßen zur Senkung von Kosten und CO₂-Emissionen genutzt wird. Ziel der Aktion war es, die Getreideproduktion aus dem mittleren Westen wie Mato Grosso, Goiás und Mato Grosso do Sul schneller abzufördern.“ Ganze 406 Meter lang und 90 Meter breit war der Konvoi aus Frachtkähnen. Der Rio Tapajós ist ein Logistikkorridor.

„Encontro das águas“ (das Zusammentreffen der Wasser): Der Rio Tapajós mündet bei Santarém in den Amazonas.
Alle Fotos in diesem Beitrag: Jan Dunkhorst

Der Rio Tapajós als Logistikkorridor

„Der Tapajós-Fluss hat in den ersten beiden Monaten des Jahres 2026 seine Position als einer der wichtigsten Logistikkorridore des ‚Arco Norte‘ gefestigt – mit Rekordwerten beim Güterumschlag und Fortschritten bei der Binnenschifffahrt im Amazonasgebiet. Branchenangaben zufolge wurden auf der Wasserstraße im Jahr 2025 16,8 Millionen Tonnen befördert, was einem Anstieg von 14,3 % gegenüber dem Vorjahr entspricht. Nach Angaben der Bundesregierung unterstreicht diese Entwicklung die strategische Bedeutung der Binnenschifffahrt für den Abtransport landwirtschaftlicher Erzeugnisse und die Versorgung des westlichen Pará, selbst unter den Bedingungen einer moderaten Dürre. Der Güterumschlag konzentriert sich weiterhin hauptsächlich auf Schüttgüter, insbesondere Soja und Mais aus Mato Grosso, die über die BR-163 zu den Terminals von Miritituba in Itaituba transportiert werden. Von dort aus werden die Ladungen auf Lastkähnen zu den Häfen von Santarém und Barcarena transportiert, von wo aus sie exportiert werden. Im Jahr 2025 machten Soja und Mais 88,4 % des Güterumschlags auf der Wasserstraße aus. Auch beim Transport von Erdöl und Erdölerzeugnissen war ein Wachstum von 40 % zu verzeichnen, und der Umschlag von Düngemitteln stieg um 46,8 %.“ (Quelle: hier)

Mehr Soja und Mais transportiert, per Wasserstraße auf dem Schiffsweg, CO₂-Emissionen von 2.300 LkW-Fahrten eingespart und Kosten gespart: So sieht Entwicklung aus – lobhudeln die Logistikbranche und das Agrobusiness. Und auch Brasília sieht das Potential von Entwicklung, von gar enormer Entwicklung: „Die Tapajós-Wasserstraße ist von strategischer Bedeutung für den Transport von agrarischen Schüttgütern, die hauptsächlich aus Mato Grosso stammen und zum Umschlag in für den Seeverkehr geeigneten Hafenanlagen in Santarém/PA, Santana/AP oder Barcarena/PA weitergeleitet werden. Gleichzeitig deuten die Prognosen auf ein kräftiges Wachstum der Wasserstraße in den kommenden Jahren hin, insbesondere wenn der Ausbau der BR-163 erfolgt und die Bauarbeiten an der Ferrogrão-Bahnlinie umgesetzt werden. Vorläufige Studien des DNIT belegen das Potenzial für die Eignung dieses Abschnitts für die Küsten- und Fernschifffahrt, sofern eine Korrektur-Ausbaggerung und eine Vertiefung des Fahrwassers erfolgen. In diesem Szenario könnte das Transportaufkommen höher ausfallen als geplant.“ In konkreten Zahlen: 2015 lag der Transport von Schüttgütern auf der schiffbaren Strecke des Tapajós, also zwischen Itaituba/Mirituba, wo die Getreide- und Soja-Silos am Ende der Bundesstraße BR-163 stehen, bei 1.812.246 Tonnen. 2020 lag dieser Wert bei 13.342.700 Tonnen. Und im Jahre 2035, so die Regierungsprognose, könnten auf dem Rio Tapajós ganze 66.546.858 Tonnen transportiert werden.

Was in den Chefetagen der Wirtschaft und der Politik Jubel und glänzende Augen auslöst und entsprechende Aussichten eröffnet – seit Jahren wird in Brasília für den Ausbau der Wasserstraßen lobbyiert, im Fall des Tapajós könnte ein Ausbau eine Kostenersparnis von satten 41 Prozent beim Transport der Produkte bedeuten -, dies bewirkt bei anderen Sorge, Kummer, Panik, Wut.

Teil des ohne Genehmigung und Umweltverträglichkeitsprüfung gebauten Flusshafens und Getreideterminals des US-amerikanischen Agrarkonzerns Cargill in Santarém

Der Rio Tapajós als Lebenswelt

Anfang dieses Jahres hatten Vertreter:innen von mindestens 14 Indigenen Völkern der amazonischen Großregion über einen Monat lang die Zufahrt zu einem der größten Soja-Terminals in Santarém blockiert. Medienberichten zufolge war der Camp-und-Blockade-Protest zwischenzeitlich auf 1.200 Personen angewachsen. Die Forderungen der protestierenden Indigenen war eindeutig: Keine politischen Entscheidungen, „die unsere Flüsse betreffen, ohne dass wir angemessen in freier, vorheriger und informiert Konsultation angehört wurden!“

Die Blockade des Soja-Terminals richtete sich einerseits gegen das von den protestierenden Indigenen als „Privatisierung der Flüsse“ titulierte Dekret der brasilianischen Bundesregierung – „DECRETO Nº 12.600, DE 28 DE AGOSTO DE 2025„, das offiziell unter dem Motto, „die Aufnahme öffentlicher Bundesprojekte im Bereich der Wasserstraßen in das Nationale Entstaatlichungsprogramm zu regeln“, lief – also genau das, was die indigenen Kritiker:innen monierten: eine Privatisierung der Flüsse. Die über einen Monat andauernde – durchaus als massiv zu bezeichnende – Blockade in Santarém bewog Brasília zur Rücknahme des Dekrets (deswegen ist der Dekret-Text in der aktuellen Verlinkung komplett durchgestrichen).

Andererseits richteten sich die indigenen Proteste aber auch gegen die aktuellen Ausbaggerungsarbeiten in der Flusstrecke zwischen Itaituba/Miritituba und Santarém. Um den bereits bestehenden Schiffsverkehr des (vor allem Soja-)Transports fortzusetzen, wurden Ende vergangenen Jahres von den Behörden im Flussbett des Tapajós die Ausbaggerungsarbeiten der Sedimentablagerungen in die Wege geleitet. Diese Arbeiten sind laut den Landesbehörden zur Aufrechterhaltung des bereits bestehenden Schiffsverkehr angesichts der anhaltenden Dürre und den damit einhergehenden niedrigen Wasserpegeln notwendig. Die Fahrrinnen müssten von Sedimentablagerungen freigehalten werden. Nur so ließe sich das Transportvolumen der Frachtkähne in Höhe von 16,8 Millionen Tonnen wie im Jahr 2025 halten, ganz zu schweigen von den Plänen, im Jahre 2035 bis zu 66.546.858 Tonnen auf dem Tapajós zu transportieren.

Genau gegenüber vom Cargill-Hafen das Chico-Mendes-Institut für Biodiversitätserhalt (ICMBio), eine halbstaatliche Organisation, die sich zusammen mit der staatlichen Umweltbehörde IBAMA um die Belange des Naturschutzes in Brasilien kümmert. Sie untersteht dem Umweltministerium Ministério do Meio Ambiente.

Die in Santarém protestierenden Indigenen betonten, dass ihr Kampf sich gegen ein Projekt richtet, „das den Tapajós in eine Exportroute, einen Korridor für den Transport von Soja, verwandeln will und dabei diejenigen ignoriert, die seit Generationen in diesem Gebiet leben, es pflegen und dort existieren. Der Tapajós ist nicht nur ein Fluss, er ist die Heimat von Fischen, Tieren, Pflanzen, Menschen und den Verzauberten, er ist ein lebendiges, uraltes und heiliges Gebiet.“ Die Indigenen vom Tapajós argumentieren, dass „Eingriffe in den Tapajós das Leben, das in seinen sichtbaren und unsichtbaren Gewässern existiert, zutiefst verletzen und Körper, Geist und ihre Art, in der Welt zu existieren, erschüttern“, und dass sie sich deshalb zur Wehr setzen. Der Tapajós ist für sie nicht ein „Logistikkorridor“, sondern der Fluss ist ihre Lebenswelt.

Kritik von Zivilgesellschaft und Bundesstaatsanwaltschaft

Auch die Zivilgesellschaft äußerte sich deutlich: „Die Comissão Pastoral da Terra (CPT) und der Conselho Pastoral dos Pescadores e Pescadoras (CPP) des Erzbistums von Santarém stellen mit dieser öffentlichen Erklärung ihre tiefe Empörung und ihren entschiedenen Widerstand gegen die für den Tapajós-Fluss geplanten Privatisierungsprojekte mit Ausbaggerungsarbeiten dar, Arbeiten, die ausschließlich den privaten wirtschaftlichen Interessen multinationaler Getreideunternehmen weltweit dienen. Der Tapajós-Fluss ist nicht eine einfache Wasserstraße. Der Fluss war schon immer ein Lebenssystem, ein pulsierendes Lebewesen, das den Wald erhält, das das Klima reguliert, das eine unvergleichliche Artenvielfalt beherbergt und das vor allem die physische, kulturelle und spirituelle Existenz der Flussanrainer:innen und indigenen Völker sichert, die diesen seit Jahrhunderten schützen und aus ihm ihren Lebensunterhalt beziehen.“

Und Brasiliens Bundesstaatsanwaltschaft schlug sich ebenfalls eindeutig auf die Seite der protestierenden Indigenen (FDCL berichtete): „Die Bundesstaatsanwaltschaft sieht durch die Ausbaggerungsarbeiten die Gefahr einer Freisetzung von Schwermetallen wie Quecksilber und von Sedimenten, wodurch die Wasserqualität und das Leben im Wasser beeinträchtigt werden und dass eine direkte Gefahr für die Gesundheit der Menschen entstehe, die dieses Wasser und seine Fische konsumieren. Des Weiteren sieht die MPF die Gefahr einer Schädigung der Fischbestände und anderer Wasserorganismen, die die Grundlage der Nahrungskette bilden, aufgrund der Trübung des Wassers und Veränderungen im Ökosystem, was sich direkt auf die Fischerei und die Ernährungssicherheit der Flussufer- und indigenen Gemeinschaften auswirkt, die von diesen Ressourcen abhängig sind. Die MPF sieht auch die Gefahr der Zerstörung und Störung von Lebensräumen, die für die Fortpflanzung, Ernährung und Migration bedrohter Arten wie Delfine, Amazonas-Manatis, Schildkröten und Wasservögel von entscheidender Bedeutung sind. Weitere Argumente der MPF in der Berufung sind die Tatsache, dass die Entscheidung des Bundesgerichts in Santarém die Berichte der indigenen Führungskräfte der potenziell betroffenen traditionellen Völker und Gemeinschaften, die in der Anhörung angehört wurden, nicht berücksichtigt hat, und dass sich das Bundesgericht in Santarém nicht zu der Verletzung des Rechts der traditionellen Völker und Gemeinschaften auf freie, vorherige und informierte Konsultation geäußert hat, das durch das Übereinkommen Nr. 169 der ILO garantiert ist, und dass die Entscheidung die Logik des Vorsorgeprinzips in Umweltfragen umkehrte, indem sie von der MPF den Nachweis des konkreten Schadens durch die Baggerarbeiten verlangte, obwohl es Aufgabe des Unternehmens gewesen wäre, das Fehlen signifikanter Auswirkungen nachzuweisen.“

LKWs im Minutentakt: noch wird ein großer Teil des Getreides (vor allem Soja und Mais) über diese Straße nach Santarém transportiert.

Juristischer Hickhack um Ausbaggerungsarbeiten verschärft sich: Die Prüfung der Rechtsstaatlichkeit wird auf den Zeitpunkt nach den vollendeten Tatsachen verschoben

Anfang Juli dieses Jahres gab die Landesumweltbehörde von Pará, SEMAS, die Aushubarbeiten am Tapajós-Fluss zwischen Santarém und Itaituba im Westen von Pará auf Antrag der Nationalen Behörde für Verkehrsinfrastruktur DNIT wieder frei, obwohl Brasília Mitte Februar als Reaktion auf die wochenlangen Proteste und Bockaden hunderter Indigener vom Tapajós-Fluss eigentlich ein Einlenken signalisiert hatte. Die Landesumweltbehörde von Pará, SEMAS, berief sich in ihrer Entscheidung explizit auf das neue Allgemeine Genehmigungsgesetz Nr. 15.190 vom August 2025, laut welchem die Aushubarbeiten im Tapajós wegen geringer Umweltauswirkung durch die SEMAS als von der Genehmigungspflicht befreit eingestuft wurden. Dieses „Umweltgenehmigungs-Flexibilisierungs“-Gesetz wird derzeit noch von Brasiliens Oberstem Gerichtshof auf die Verfassungskonformität oder -widrigkeit geprüft. Angewandt wird es derzeit dennoch. Vor Allem, wenn sich dadurch politische und wirtschaftliche Widerständigkeiten seitens der Bevölkerung elegant ignorieren lassen. Die Prüfung der Rechtsstaatlichkeit wird auf den Zeitpunkt nach den vollendeten Tatsachen verschoben – in Brasilien ein nicht unprobates Mittel, das auch schon beim Staudamm Belo Monte und beim brasilianischen Atomkraftwerk Angra 2 in der Nähe von Rio de Janeiro, das seit seiner Inbetriebnahme im Jahre 2000 ohne entsprechende Betriebsgenehmigung läuft, Anwendung fand.

Zwei Tage nach der SEMAS-Entscheidung von Anfang Juli entschied Brasiliens Bundesrechnungshof TCU, dass die durch die SEMAS-Entscheidung begünstigte Nationale Behörde für Verkehrsinfrastruktur DNIT die Ausbaggerungsarbeiten im Tapajós doch nicht beginnen darf. Grundlage der Entscheidung des TCU war dabei nicht die Frage der Verfassungsmässigkeit des Allgemeinen Genehmigungsgesetz Nr. 15.190 vom August 2025, dessen abschließende Beurteilung als verfassungskonform oder -widrig noch immer beim Obersten Gerichtshof STF liegt, sondern die Verfassungsauslegung, nach welcher das DNIT die Ausschreibung für die Wartungsausbaggerung des Tapajós-Flusses erst wieder aufnehmen dürfe, wenn zuvor die vorläufige Umweltgenehmigung erteilt wurde und die vorherige, freie und informierte Anhörung der potenziell von dem Vorhaben betroffenen indigenen und weiteren traditionellen Gemeinschaften gemäß den Vorgaben der ILO-Konvention 169 zum Schutze der Rechte der Indigenen und weiteren traditionellen Völkern und Gemeinschaften durchgeführt wurde.

Doch die Nationale Behörde für Verkehrsinfrastruktur DNIT erklärte in Reaktion auf den vom Bundesrechnungshof TCU verhängten Stopp der Aushubarbeiten im Tapajós: Diese Tätigkeit umfasse nur „die Durchführung von Ingenieurarbeiten zur Reinigung, Freimachung und Entfernung von Material vom Grund von Gewässern, mit dem Ziel, Mindestbedingungen für die Schiffbarkeit beim Betriebs-Tiefgang und für die Sicherheit der Schifffahrt durch die Wiederherstellung der im bestehenden Schifffahrtskanal festgelegten Breite und Tiefe zu gewährleisten. Das DNIT teilt mit, dass es ausschließlich Wartungsausbaggerungen durchführt. Hinsichtlich des Vorliegens von Umweltverträglichkeitsstudien, technischen Berichten oder ergänzenden Bewertungen, die im Genehmigungsverfahren berücksichtigt wurden, teilt das DNIT mit, dass es regelmäßige Überwachungen in den Gebieten durchführt, in denen die Maßnahmen stattfinden. Das DNIT und das Ministerium für Häfen und Flughäfen (MPor) bemühen sich um einen Dialog mit der FUNAI, dem Ministerium für indigene Völker und dem Präsidialamt, um zu erörtern, wie diesen Forderungen am besten entsprochen werden kann. Wir betonen, dass die Behörde daran arbeitet, mögliche Auswirkungen ihrer Aktivitäten zu überwachen und gegebenenfalls zu mindern. Darüber hinaus handelt das DNIT gemäß den Vorgaben der beteiligten Umweltbehörden.“

Der Tapajós bei Itaituba – im Hintergrund Soja-Terminals

Dem DNIT-Argument („nur Wartungsarbeiten“) widerspricht die Bundesstaatsanwaltschaft mit Nachdruck (siehe hierzu ebenfalls den G1-Medienbericht): „Von den sieben für Maßnahmen vorgesehenen Abschnitten (Pederneiras, Santarenzinho, Lago do Roque, Monte Cristo, Barranco do Navio, Itapaiúna und Amorim) wurden die Abschnitte Pederneiras, Santarenzinho, Lago do Roque und Barranco do Navio noch nie zuvor ausgebaggert“. Dies sei „ein erster Eingriff per technischer Definition [und stelle somit] eine Vertiefungs- und Verbreiterungsmaßnahme und keine Instandhaltungsmaßnahme dar“, so die Bundesstaatsanwaltschaft. Hinzu komme, so die MPF: „Der Tapajós ist ein Fluss mit klarem Wasser, der sich durch eine äußerst geringe natürliche Sedimentationsrate auszeichnet. Dennoch ist in Itapaiúna geplant, im Jahr 2026 879.400 Kubikmeter Material zu entfernen – eine Menge, die die für diesen Standort geschätzte jährliche Sedimentablagerung von 13.400 m³ übersteigt, was belegt, dass die Maßnahme auf eine kontinuierliche Vertiefung des Flussbetts abzielt. Nach Ansicht der Bundesstaatsanwaltschaft MPF darf die Einstufung als ‚Instandhaltungsmaßnahme‘ nicht von einer technischen Selbsterklärung des DNIT abhängen, die auf internen Vorschriften basiert, sondern muss das ökologische Risiko und das Ausmaß des Bauvorhabens berücksichtigen, bei dem es um die Entfernung von mehr als 4,5 Millionen Kubikmetern Sedimenten entlang einer Flussstrecke von 280 km innerhalb von drei Jahren geht.“ Hinzu komme, so die MPF: Aufgrund der Goldschürfaktivitäten im Tapajós-Einzugsgebiet haben sich große Mengen Quecksilber im Flussbettsediment des Tapajós abgelagert und durch die Ausbaggerungsarbeiten sieht die Bundesstaatsanwaltschaft die Gefahr der Aufwirbelung des Quecksilbers und anderer Schwermetalle, die somit in die auch menschliche Nahrungskette gelangen und die Gesundheit der Bevölkerung bedrohen könnte – wovon die bereits in der Vergangenheit gemessenen deutlich erhöhten Quecksilberwerte bei den flussaufwärts lebenden Munduruku zeugen, eine Gefahr, die vermehrt auch den flussabwärts lebenden Menschen am Fluss droht.

Die Zivilgesellschaft äußerte sich (siehe hierzu auch den G1-Medienbericht) vor wenigen Tagen ebenfalls sehr kritisch über die Entscheidung der Verkehrsinfrastrukturbehörde DNIT, mit den Ausbaggerungsarbeiten im Tapajós fortzufahren, obwohl der Bundesrechnungshof TCU diese zuvor gestoppt hatte. In einer Hintergrundanalyse der zivilgesellschaftlichen Arbeitsgruppe GT Infraestrutura e Justiça Socioambiental („GT Infra“) wird dargelegt: „Die neue Planung birgt viele Ungewissheiten und nicht analysierte Risiken und wird nun auf einem neuen Verwaltungsweg vorangetrieben, ohne jeglichen Umweltschutz und ohne Gewährleistung der Rechte der lokalen Gemeinschaften“. Renata Utsunomiya, Analystin für Verkehrspolitik bei der Arbeitsgruppe „GT Infra“ und Verfasserin des Fachberichts, wird zitiert mit folgender Analyse: „Der Verzicht auf die Umweltgenehmigung gibt Anlass zur Sorge, da damit auf die notwendigen Studien verzichtet wird, um die Auswirkungen der Ausbaggerung zu erfassen. Wir sprechen hier von einem Fluss, der bereits durch andere Aktivitäten wie den Goldabbau belastet ist, sowie von Eingriffen, die die Artenvielfalt, die Lebensweise der Gemeinden und sogar die Dynamik der Flussökosysteme selbst beeinträchtigen können. Diese Studien sind unerlässlich, um die sozioökologischen Risiken zu identifizieren, die Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung zu erfassen und somit festzulegen, wer ein Recht auf Anhörung hat“. Ebenso wie die Bundesstaatsanwaltschaft komm auch die Analyse der „GT Infra“ zu dem Schluß, dass die Einstufung der Maßnahmen durch die Behörden als bloße Wartungsausbaggerungsarbeiten technisch nicht haltbar sei.

Der Fachbericht der „GT Infra“ (hier das Dokument als PDF in ganzer Länge, auf Portugieisch) enthält vier Empfehlungen: 1) Die Aufhebung der von der Semas erteilten Befreiung von der Umweltgenehmigung; 2) Die Durchführung des Umweltgenehmigungsverfahrens mit Umweltverträglichkeitsprüfungen und öffentlicher Beteiligung; 3) Die Durchführung einer freiwilligen, vorherigen und informierten Konsultation der potenziell betroffenen indigenen Völker und traditionellen Gemeinschaften vor jeder Auftragsvergabe oder Maßnahme im Zusammenhang mit dem Projekt; 4) Die Ausarbeitung eines regionalen Klimaschutzplans zur Regulierung der Baggerarbeiten, um Eingriffe zu begrenzen, die Schifffahrtsverwaltung zu steuern und den Transport lebenswichtiger Güter in Zeiten extremer Dürre zu priorisieren“.

Rechte der Flussanwohnenden verteidigen und sich organisieren: ein Flussgebietsausschuss für den Tapajós

Mitte Juli haben indigene Führungskräfte, Vertreter:innen traditioneller Völker und Gemeinschaften, soziale Bewegungen, sozial-ökologische Organisationen auf einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Bundesstaatsanwaltschaft MPF ihr Engagement für Zusammenarbeit im Hinblick auf eine demokratische Wasserbewirtschaftung im Einzugsgebiet des Tapajós bekräftigt. Während einer öffentlichen Sitzung im Hauptsitz der MPF in Santarém wurden Strategien erörtert, um einen Flussgebietsausschuss für den Tapajós („Comitê da Bacia do Tapajós“, siehe hierzu auch die Meldung bei KoBra) zu gründen, der eine wirksame Beteiligung der Bevölkerung gewährleisten und die territoriale, kulturelle und soziale Vielfalt der Region widerspiegeln soll. Die Einrichtung eines solchen Ausschusses dürfe nicht nur zu einer formalen Beteiligung führen. Vertreter:innen der Zivilgesellschaft wiesen auf die ungleichen Bedingungen zwischen den Großunternehmen und den lokalen Bevölkerungsgruppen hin, die direkt vom Fluss abhängen für Ernährung, für Transport, ihre Arbeit, für ihren Lebensunterhalt, den Tourismus und auch für den kulturellen Fortbestand ihrer Gemeinschaftlichkeiten. So müsse ein zukünftiger Flussgebietsausschuss für den Tapajós sicherstellen, dass in einem solchen genug Teilhabe für indigene Völker, für Flussanrainer:innen, für Quilombolas, für Kleinfischer:innen und Sammler:innen und weitere traditionelle Gemeinschaften gewährleistet seien. Es wurde zudem gefordert, dass die indigenen und traditionellen Vertreter:innen von ihren Gemeinschaften selbst ausgewählt werden, jeweils entsprechend ihren eigenen Organisationsformen und ihren Protokollen zur vorherigen, freien und informierten Konsultation.

Im Dorf Sawre Aboy der indigenen Munduruku an einem Nebenfluß des Tapajós

Auf dem Planungstreffen zur künftigen Gründung eines Flussgebietsausschuss für den Tapajós wurde zudem vorgeschlagen, den Mobilisierungs- und Organisationsprozess auf den Oberen, Mittleren und Unteren Tapajós sowie auf die Regionen der Flüsse Juruena und Teles Pires auszuweiten. Und es solle dezentrale Treffen und Anhörungen geben sowie an die Organisierung von regionalen Ausschüssen, strukturiert nach Teil-Einzugsgebieten des Pajaós-Einzusgebiet, sowie die Schaffung territorialer Strukturen gedacht werden. Ziel sei es, zu verhindern, dass Gemeinschaften, die weit von den städtischen Zentren entfernt liegen, aufgrund von Reiseschwierigkeiten oder fehlender finanzieller Mittel von den Diskussionen ausgeschlossen werden. Ziel ist auch, so viel ist klar, die Demokratisierung der Entscheidung, wem gehört der Tapajós?

// Christian Russau

 

Die Initiative „Berlin aktiv im Klimas-Bündnis“ des Landes Berlin (LEZ) unterstützt die Munduruku. 2024 konnte so ein neu errichtetes Bildungs- und Kulturzentrum eröffnet werden. Das Zentrum trägt den Namen „Centro de Formação Munduruku Akay Buray“. Das ist Munduruku und bedeutet auf Portugiesisch „Estou a disposição. É um prazer receber vocês“ – übersetzt: „Ich bin bereit und es ist mir ein Vergnügen dich zu empfangen!“

Beitrag erstellt für das FDCL im Rahmen der Initiative „Berlin aktiv im Klima-Bündnis

Mit freundlicher Unterstützung der Landesstelle für Entwicklungszusammenarbeit (LEZ) Berlin. Der Inhalt der Veröffentlichung liegt in der Verantwortung des Autors und gibt nicht notwendig die Position der Herausgeber:innen und nicht die der LEZ Berlin wieder.