Belém, 11.11.2025

Hydro mit dem Slogan „Bei der COP30 ist Pará das Gesicht Brasiliens – Hydro trägt das Gesicht Parás“ – hier am Flughafen Belém.
Gestern erfolgte der Start der COP30. Der Autor dieses Textes ist seit dem 21.10 vor Ort. Hier nun kurze Impressionen vom Ort des Geschehens. Ein ausführlicher Bericht folgt nach Ende der Weltklimakonferenz.
Bei der Ankunft werden letzte Zweifel ausgeräumt: Belém ist im COP Fieber – und Konzerne prägen das öffentliche Bild. Die Ankommenden werden am Flughafen mit riesigen Werbeplakaten von Hydro begrüßt – einem der größten Aluminiumkonzerne der Welt. Hydro und der brasilianische Bergbaukonzern Vale sind in der Stadt allgegenwärtig – Hydro mit dem Slogan „bei der COP 30 ist Pará das Gesicht Brasiliens – Hydro trägt das Gesicht Parás“. Die von NGO kritisierte corporative capture der COP ist keine Anklage mehr, sondern wird zu einem Ruhmesblatt der Konzerne.
Die COP ist also überall im Stadtbild präsent und in aller Munde. Und bei allen Befürchtungen, dass nicht alles gut laufen könnte, wird doch von fast allen Bewohner*innen der Stadt jegliche Kritik an der COP zurückgewiesen. „Ah, die da im Süden Brasiliens, in Rio und Sao Paulo gönnen uns das nicht. Endlich kommt mal Geld nach Belém. Endlich sieht uns mal die Welt“, sind Äußerungen, die immer wieder zu hören sind.
Ja, die Welt schaut auf Belém und Pará – und die Regierung hat zumindest ein Versprechen gehalten: die Probleme Beleḿs sollen nicht wegretuschiert werden, keine „soziale Säuberung“ und Vertreibung der Armen aus der Innenstadt. Und so wird das Vordach der Lojas American direkt neben einem Luxushotel und gegenüber des ehrwürdigen Teatro da Paz weiterhin nachts von Obdachlosen bevölkert und ein paar Meter weiter gibt es wie immer den Treffpunkt der Crack-Konsument*innen.
Die (Bau)Arbeiten zur Vorbereitung und Durchführung der COP haben punktuell neue Parks und Hotels entstehen lassen und zu einer Erweiterung des Ausgehviertels am Hafen geführt, aber das Stadtbild nicht grundlegend verändert. Die Bürgersteige sind nicht besser geworden, nach wie vor muss man mit starren Blick auf dem Boden durch die Straßen gehen, um nicht in Löcher zu fallen oder über Bauschutt und Anfall stolpern – dies durchaus auch in besseren Stadtvierteln.

Alle sind dabei: hier die Gewerkschaft der öffentlichen Angestellten des Bundesstaates Pará.
Eine der sichtbarsten Veränderungen im zentralen Bereich Beléms sind die „linearen Parks“ am Rande von zwei großen Kanälen in der Stadt. Tagsüber liegen sie verwaist und fast schattenlos in der erbarmungslosen Sonne, abends aber sind sie gut besucht, insbesondere an einer beliebten Straße, die allgemein als Docas bezeichnet wird. Aber trotz einiger „Bepflanzungskosmetik“ bleibt der Kanal was er immer war: eine stinkende Abwasserkloake. Und der Park besteht vor allem aus einen Werkstoff: Beton. So konstatiert Marina Guimareas von lokalen COP30 Komitee: „Man hat überall auf Beton gesetzt anstatt kreative Lösungen zu wagen. Mehr Beton ist die Losung“. Das gilt auch für das Sanierungsprojekt „Macrodrenagem“ (siehe dazu das „FDCL-Briefing 3“ zur brasilianischen Umwelt- und Klimapolitik“) in einigen Stadtvierteln. Betonbasierte statt naturbasierte Lösungen – so ließe es sich zuspitzen. Zeitdruck und die mächtige Lobby der Baufirmen haben auch dazu beigetragen.
Den ersten Belastungstest hat Belém einigermaßen überstanden. Das der eigentlichen COP vorgeschaltete Treffen der Staatschefs lief weitgehend störungsfrei ab, allerdings auch bedenklich ergebnisarm. Dass der indische Premierminister Narendra Modi und der chinesische Staatspräsident Xi Jinping fehlten, war aber ein Dämpfer für die brasilianischen Ambitionen. Präsident Lula hielt wie erwartet eine engagierte Rede, mit einer leidenschaftlichen Verteidigung des Multilateralismus und für eine engagierte Klimapolitik. Für die brasilianische Regierung ist die Klimakonferenz ein Schlüssel für die Stärkung Brasiliens als globaler Player und ein Gegengewicht zur (Klima)Politik der Trump-Administration. Gleichsam will Brasilien aber eine zu große Abhängigkeit von China vermeiden und seine Beziehungen zu Europa stärken. So wird im Hintergrund auch um eine Verabschiedung des umstrittenen EU-Mercosur Abkommens gerungen. Brasilien will das Abkommen noch bis zum 10. Dezember verabschieden, also vor dem Ende der brasilianischen Präsidentschaft im Mercosur.
Bemerkenswert war, dass Lula in seiner Rede die Frage des Erdöls ansprach, wenn auch weniger kritisch als UN Generalsekretär António Guterres. Lula betont, dass die Welt sich von der Abhängigkeit vom Erdöl lösen muss. Das ist insofern bemerkenswert, als dass die brasilianische Umweltbehörde kurz vor der COP grünes Licht für die Erschließung von Erdölquellen in der Amazonasmündung gegeben hatte. Die Entscheidung wurde von sozialen Bewegungen und Umwelt-NGOs heftig kritisiert, aber von Lula bedingungslos unterstützt. Lula erwies sich wieder einmal als ein Meister im Umgang mit Widersprüchen. Das Wunderwort „Transition“ ermöglicht diese politische Alchemie. Angeblich sollen die Erlöse aus der in den nächsten Jahren ansteigenden Erdölförderung den Übergang zu nicht-fossilen Energien beflügeln. Eine Erhebung der brasilianischen NGO INESC hat aber aufgezeigt, dass davon bisher keine Rede sein kann: Nur deprimierende 0,002% des Haushaltes des brasilianischen Ministeriums für Bergbau und Energie gingen 2023 und 2024 in den Titel „energetische Transition“. Die Entscheidung zugunsten der Erdölförderung war allgemein erwartet worden, überraschend war nur der Zeitpunkt, der so nahe an der COP30 lag.
Für die brasilianische Regierung war es daher wichtig, eine andere Initiative in den Mittelpunkt zu rücken. Und dies gelang auch. Weil es sonst wenig Berichtenswertes gab, nahm in der Presse die Debatte um den TFFF (Tropical Forest Forever Facility) großen Raum ein – also um den von Brasilien lancierten Fonds, der Länder belohnen soll, die tropischen Wald erhalten. Der TFFF hat nun eine hitzige Diskussion ausgelöst, weil er durch Gewinne aus dem Kapitalmarkt dauerhaft finanziert werden soll.
Die wichtigsten Stichworte der Kritik lauten:
• Die Finanzierung über den Kapitalmarkt liefert den Waldschutz an volatile Finanzmärkte aus.
• Der Gewinn soll durch Anlagen in Bonds von Ländern aus dem Globalen Süden finanziert werden, die höhere Zinsen abwerfen. Letztendlich zahlt also der globale Süden die Rechnung.
• Die vorgesehen 4 US$ pro Hektar sind völlig unzureichend, um einen dauerhaften Waldschutz zu garantieren.
• Der TFFF verbreitet die Illusion, dass Waldschutz einzig eine Sache von monetären Anreizen ist. Die Ursachen der Waldzerstörung werden ignoriert.
Auch die Landlosenbewegung MST hat ein deutliche Kritik an dem TFFF veröffentlicht, in der sie den Vorschlag als „Grünen Kolonialismus“ denunziert. Dies ist bemerkenswert, weil die Gemengelage durchaus kompliziert ist. Die wichtigsten indigenen Organisationen Brasiliens (COIAB und APIB) unterstützen den TFFF nachdrücklich. Die Ministerin für indigene Fragen hat die Partizipation indigener Völker emphatisch gelobt. Tatsächlich haben die indigen Organisationen erreicht, dass 20% der Erlöse des Fonds direkt an indigene Völker und traditionelle Gemeinschaften gehen sollen. Die Indigenen feiern dies als einen historischen Erfolg.
Kompliziert ist, dass die brasilianische Regierung und ihre international so geachtete Umweltministerin Marina Silva ihr ganzes moralisches Gewicht in die Implementierung des Fonds legen. Für Marina ist der TFFF ein Durchbruch, weil er dem erhaltenen Wald einen Wert gibt und dies nicht an Kompensationsprojekte und einen CO2 Markt koppelt. Die Kritik trifft also nicht nur auf eine Vorschlag, der von indigenen Organisationen unterstützt wird, sondern auch von einer Regierung, die auf Multilateralismus und Alternativen zum Klimanegationismus setzt.
Der TFFF hat nichts mit dem offziellen UN Prozess der Klimakonvention zu tun. Er muss nicht bewilligt werden, er braucht nur Geld – genauer gesagt 25 Milliarden US$ für eine Anschubfinanzierung. Brasilien und Indonesien sind mit jeweils einer Milliarde vorangegangen, Norwegen hat 3 Milliarden zugesagt. Enttäuschend für die brasilianische Regierung war ein Absage aus dem Vereinigten Königreich (UK) und ein vage Zusage von Bundeskanzler Merz, die keine konkreten Zahlen beinhaltete. Und so folgen die vorläufigen Bewertungen dem bekannten Muster des halbvollen / halbleeren Glases. Es versteht sich, dass für die brasilianische Regierung das Glas halbvoll ist.
Ein aktuelle Kritik des TFFF (mit weiteren Literaturhinweisen) hat das World Rainforest Movement (WRM) vorgelegt. Eine lesenswerte Analyse des TFFF auf Englisch gibt es auch von der brasilianischem NGO INESC.
// Autor: Thomas Fatheuer
// Fotos: Jan Dunkhorst (August 2025)
// Publikationshinweis: zur COP30 siehe auch das Dossier „Letzte Ausfahrt Belém“

Beliebter Foto-Hintergrund: Belém wirbt für die COP30.
